Heft 20 (2014)

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Interview
Das Maß der Zeit. Peter Janich im Gespräch mit PHILOKLES über das richtige Verständnis von Zeit und die Rolle der Zeitmessung

Aufsätze
Wo ist die Zeit, bevor sie gemessen wird? Über das Verhältnis von Bewegung und Zeit bei Aristoteles  (Michael Vogt)

Zeitallgemeinheit und Zeitlichkeit im Weltbezug und Weltverlauf. Überlegungen zum Zeitbegriff im Anschluss an Hegel  (Pirmin Stekeler-Weithofer)

McTaggarts Irrealität der Zeit  (Claudia Reich)

Das Wesen der Zeit  (Nikos Psarros)

Zeit und (menschliche) Existenz  (Andreas Luckner)

Rezension 
Ursula Coopes Time for Aristotle  (Michael Frey)

Leseprobe
Augustinus: Bekenntnisse, Elftes Buch  (ausgewählt und vorgestellt von Peter Heuer)

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Editorial

PHILOKLES erscheint diesmal nicht als Diskussionsheft. Vielmehr wurden fünf Aufsätze zusammengestellt, in denen es in vielfältiger Weise um ‚Zeit‘ geht. Auch wenn ‚Zeit‘ nicht an die ganz großen metaphysischen Themen, wie etwa Welt, Seele oder Gott heranreicht, ist sie doch ein wirkliches philosophisches Problem. Zeit, das lernen bereits Kinder, kann man nicht sehen und anfassen, aber irgendwie gibt es sie doch. Um sich ihrer zu vergewissern, muss man nachdenken, d. h. philosophieren. Zeit ist all­ge­gen­wärtig und so liegt es nahe, an ihrem Beispiel in die Seinsweise geis­tiger, abstrakter Gegenstände vorzudringen.

Über die Seinsweise abstrakter Gegenstände ist man sich innerhalb der Philosophie von jeher uneins. Es gibt drei prominente Positionen: den Nominalismus, den Rea­lismus und den Konzeptualismus. Nominalisten mei­nen, abstrakte Gegenstände seien nicht real existent, sondern nur im menschlichen Bewusstsein vorhanden. Realisten vertreten die gegenteilige Position, sie behaupten eine vom Bewusstsein unabhängige Realexistenz abstrakter Gegenstände. Konzeptualisten versuchen, einen Mittelweg zu gehen.

Michael Vogt führt seine Leser in die Zeittheorie Aristoteles’ ein. Aris­toteles vertritt eine konzeptualistische Position. Zeit hat für ihn einer­seits eine der Bewegung physischer Körper nachfolgende Realexistenz, an­dererseits aber auch ein Sein im menschlichen Bewusstsein. Michael Vogt diskutiert eine Reihe möglicher Auflösungen dieser scheinbaren Paradoxie und gelangt zu der Ansicht, dass es sich dabei um zwei verschiedene Arten von Zeit handelt.

Pirmin Stekeler-Weithofer entwickelt seine Überlegungen mit Bezug auf Hegels Kritik an Kants Auffassung von Zeit. Kant leugnet die Real­existenz der Zeit und erklärt sie zu einer vom Subjekt an die Wahr­neh­mungs­si­tu­ation herangetragenen Form der Anschauung. Hegel zeige, so Stekeler-Weit­hofer, dass eine solche Auffassung ‚mystisch‘ sei. Statt­des­sen sei Zeit als reiner (Hegel’scher) Begriff aufzufassen. Auch für Hegel habe Zeit keine Realexistenz. Vielmehr sei sie ein Konzept, über welches die Spre­cher­gemeinschaft immer schon verfüge und an dem der einzelne Spre­ch­er An­teil habe.

Claudia Reich berichtet über die Zeittheorie McTaggarts, eines Phi­losophen des zwanzigsten Jahrhunderts. McTaggarts Überlegungen zur Zeit lassen sich dem Neukantianismus zurechnen und kulminieren in der These, Zeit sei irreal.

Nikos Psarros versucht sich dem Thema ‚Zeit‘ eigenständig zu nähern. Er entwickelt dafür eine neue Begrifflichkeit und vertritt die ungewöhn-liche These, Zeit sei – ähnlich den sogenannten Transzendentalien – eine analoge Kategorie, die in jedem Bereich des Seins eine wesentlich andere Bedeutung habe. Um seine These zu verteidigen, vergleicht er die spe-zifische Zeitlichkeit von Gedanken mit der des physischen Seins.

Andreas Luckner erarbeitet eine Phänomenologie unseres subjektiven Zeiterlebens. Fragen, die ihn dabei interessieren, sind: Wie ist es zu er­klä­ren, dass es uns im Rückblick nach einer Reise so vorkommt, als sei die Zeit langsamer vergangen als sonst, während sie uns unterwegs wie im Flug zu ver­gehen schien? Insbesondere finden auch die Phänomene Lang­e­weile, Kurz­weil, Stress und Muße sein besonderes Augenmerk.

Ergänzt wird das Heft durch ein Interview mit Peter Janich, einem der wichtigsten Vertreter des Konstruktivismus bzw. Kulturalismus. Deren Po­sition versucht, die Gegenstände der Wissenschaften, unter ihnen die Zeit, in lebensweltlichen Praxen zu fundieren. Janich hat vor Jahren eine Protophysik der Zeit erarbeitet und antwortet vor diesem Hintergrund auf un­sere Fragen.

Unsere Rezension befasst sich noch einmal mit Aristoteles’ Zeittheorie, sie bespricht Ursula Coopes Buch Time for Aristotle, einen in jüngster Zeit entstandenen Aristoteleskommentar.

Als Leseprobe werden Ausschnitte aus dem elften Buch der Bekennt­nisse des Augustinus’ abgedruckt, in denen er seine Zeittheorie entwickelt. Sein besonderes Interesse gilt dem Verhältnis von Ewigkeit und Zeit­lichkeit. Auch Augustinus vertritt eine aristotelische Zeitauffassung und arbeitet sie näher aus. Er meint, dass die Zeit zwar zusammen mit der Be­we­gung der irdischen Dinge geschöpft worden sei, aber erst dann Voll­endung finde, wenn sie im menschlichen Bewusstsein gezählt und ge­mes­sen werde, d. h. zu ihrem wirklichen Sein gelange.

Die aristotelisch-augustinische Auffassung der Zeit motivierte auch die Auswahl des Titelbilds. Bei Sonnenuhren fällt bekanntlich der in Folge der Erdrotation wandernde Schatten auf eine von Menschen angefertigte Skala und misst so die Zeit. Auf diese Weise demonstrieren Sonnenuhren ein Zu­sam­­menspiel von kosmischer Bewegung und menschli­cher Vernunft. Son­nen­uhren sind zwar keine besonders genauen Zeit­messer, aber auf Grund ihrer Konstruktion wird das Geheimnis der Zeit, ein Zwitterwesen aus Natur und Geist zu sein, ein Stück weit sinnfällig. Dies ist bei anderen Arten von Uhren nicht in gleicher Weise der Fall.

Peter Heuer

Heft 19 (2012)

TugendCover Heft 19 (2012)

Inhalt

Interview

mit Anselm Müller: Die Moral korrekt deuten

Text

Martin Palauneck, Die Definition der Tugend bei Aristoteles

Kommentare
Johanna Lang: Über das Verhältnis von Eudaimonia und Erziehung
Johann Gudmundsson:Ist Aristoteles’ Definition der Tugend gehaltvoll?
Bruno Langmeier: Einige Bemerkungen zum Zusammenhang von Tugend und Glückseligkeit bei Aristoteles
Peter Heuer: Eine Lanze für die Mesoteslehre
Replik
Martin Palauneck: Eine Anleitung zum Glücklichsein
Leseprobe
Max Scheler: Zur Rehabilitierung der Tugend, ausgewählt und eingeleitet von Christian Kietzmann
Wilhelm Busch: Ach, ich fühl es!
 Zu guter letzt
Kolumne
Gunther Bachmann: Überlegungen zur Tugend
Rezension
Nikos Psarros zu: „Es ist sinnlos, gegen Nägel zu treten“, zu: Hans Albert, Joseph Ratzingers Rettung des Christentums – Beschränkungen des Vernunftgebrauchs im Dienste des Glaubens, Aschaffenburg 2008

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Editorial

Seit geraumer Zeit ist in der moralphilosophischen Debatte Tugend wieder ein Thema. Die Wiederbesinnung auf dieses Konzept ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass zahlreiche ethische Problemesich mit Hilfe der beiden die Neuzeit dominierenden Ethiken, der Ethik Kants und der des Utilitarismus, nur unbefriedigend diskutieren lassen, zumal sie mitunter zu einander widersprechenden Auskünften gelangen. Fragt man z. B., ob Tyrannenmord  moralisch  erlaubt  sei, antwortet die Ethik Kants mit einem entschieden Nein. Sie kommt zu dieser Auskunft, da das Tötungsverbot, wie die Prüfung durch den Kategorischen Imperativ ergibt, ausnahmslose Geltung hat. Der Utilitarismus hingegen gelangt zu einem entschiedenen Ja. Er gibt  seine Antwort in  Folge eines Kalküls, nach dem die  Interessen  der unzähligen unter der Herrschaft leidenden Bürger mit denen des einen Tyrannen  ins  Verhältnis gesetzt und abgewogen werden. Beide Antworten befriedigen  nicht. Mit Blick  auf  das  Elend der Gemeinschaft  scheint uns das Neinzu rigide zu sein, hingegen, mit Blick auf die erforderliche Tötung eines Menschen, das Jazu leichtfertig. Von der Tugendethik erhofft man sich, dass sie hier ausgewogener zu antworten versteht.
Doch was sind Tugenden überhaupt, und ist es denn richtig, dass eine Ethik, die sie in Betracht zieht, in derart schwerwiegenden Fragen zu richtigeren Antworten gelangen kann? Dies zu  diskutieren, ist Aufgabe  des vorliegenden PHILOKLES, für den Martin Palauneck den Leitartikel verfasst hat. Er und seine Mitdiskutanten setzen sich in kontroverser Weise mit der Tugendethik des Aristoteles auseinander. VerwandtenFragen, insbesondere hinsichtlich der Aktualität  der  Tugendethik, widmet sich auch das Interview, für das wir mit Anselm Müller einen Philosophen gewinnen konnten, der wesentlich zur Entwicklung der gegenwärtigen Debatte um Tugenden beigetragen hat.
Die Leseprobe erinnert an eine wichtige Schrift MaxSchelers und damit an einen fast vergessenen Versuch, Tugendethik wiederzubeleben. Abgerundet wird das Heft durch eine  Kolumne von Gunther Bachmann, die sich mit Tugendhaftigkeit auseinandersetzt, insbesondere mit der Frage, ob sie zwangsläufig den Erfordernissen der Wirtschaft entgegenstehen muss, und durch die Rezension eines Buchs von Hans Albert, der aus Sicht des Kritischen Rationalismus versucht, die christliche Religion zu verwerfen. Sie kann als Auseinandersetzung mit der Tugend der Wahrhaftigkeit gelesen werden.

Peter Heuer

Heft 18 (2011)

HandlungstheorieCover Heft 18 (2011)

Inhalt

Marco Iorio: Theorie und Praxis des vernünftigen Handelns

Kommentare

Christian Kietzmann: Was taugt die Entscheidungstheorie?

Anne Mazuga: Vernünftige Leute. Anfragen an ein Ideal

Thomas Zoglauer: Zweckrationalität und Wertrationalität

Replik

Marco Iorio: Replik

Leseprobe

Thomas von Aquin, Über gutes und schlechtes Handeln, ausgewählt und eingeleitet von Kathi Beier

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Editorial

Die Handlungstheorie gehört nicht unbedingt zu den klassischen Grunddisziplinen der Philosophie. Aristoteles skizziert die Grundzüge einer philosophischen Handlungstheorie im Rahmen seiner Ethik, und die Ethik ist bis ins 19. Jahrhundert hinein stets die Disziplin gewesen, in der sich Philosophie systematisch mit Begriff und Formen des Handelns auseinandergesetzt hat. Alternative, ethikfreie Ansätze wie der David Humes bleiben lange Zeit Außenseiterpositionen. Erst im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert bilden sich Bestrebungen heraus, eine nicht-normative, moralunabhängige Handlungstheorie zu formulieren, die psychologisch fundiert, empirisch überprüfbar und als philosophiefreie theoretische Grundlage der modernen Sozial- und Wirtschaftswissenschaften tauglich sein soll. Die so genannte Standardtheorie rationalen Handelns, die sich auf Vorarbeiten von Thomas Hobbes, David Hume und anderen stützt und versucht, mit möglichst sparsamen Annahmen menschliches Handeln möglichst umfassend zu erklären, bietet sich hier an. Ursprünglich wird sie als Anwendung der neu entstehenden formalen Logik und logisierten Mathematik entworfen. Ihre leichte Formalisierbarkeit macht sie für viele Theoretiker zusätzlich attraktiv. In der vorliegenden Ausgabe des PHILOKLES bricht Marco Iorio eine Lanze für diese Theorie; er erläutert die sie leitenden Intuitionen und lotet ihre Leistungskraft aus, nicht ohne sie kritisch zu deuten und auf ihre Grenzen hinzuweisen.
Die Theorie rationalen Handelns ist immer schon starken Einwänden ausgesetzt gewesen, die letztlich auf zwei Grundeinwände hinauslaufen. Erstens wird ihr vorgeworfen, sie mache unrealistische Annahmen über die Planungs- und Berechnungsfähigkeiten menschlicher Akteure. Zweitens – und vielleicht schwerer wiegend – glauben viele Kritiker nicht, dass ein Handeln im Sinne der rationalen Handlungstheorie verdient, rational oder vernünftig genannt zu werden. Die kritischen Kommentare Christian Kietzmanns, Anne Mazugas und Thomas Zoglauers formulieren Spielarten dieser Einwände.
Die Leseprobe erinnert an eine klassische Alternative zur klassischen Handlungstheorie – an die aristotelische Handlungstheorie in der Fassung des Thomas von Aquin.

Henning Tegtmeyer

Heft 17 (2011)

Über Gott und ReligionCover Heft 17 (2010)

Inhalt
Pirmin Stekeler-Weithofer: Der Gottmensch. Zur Philosophie der christlichen Religion
Thomas Wendt: Weltanschauung und kooperatives Handeln. Historisches und Systematisches zum Verhältnis von Marxismus-Leninismus und Christentum – Paradigmatisches zum Vergleich konkurrierender Weltanschauungen
Henning Tegtmeyer: Probleme der analytischen Religionsphilosophie. Dargestellt am Beispiel zweier neuerer Versuche, die Existenz Gottes zu beweisen
Rezension: Vorbild und Moralprinzip. Rez. zu: Richard Raatzsch: Autorität und Autonomie. Paderborn 2007 (von Lars Osterloh)

Editorial

Nach langer Pause erscheint PHILOKLES diesmal in veränderter Gestalt. Künftig sollen neben die bereits etablierte Form der philosophischen Diskussion aus Text, Kommentaren und Replik auch andere Formen der Präsentation philosophischer Debatten treten, u.a. die Zusammenstellung verschiedener Essays zu einem gemeinsamen Thema. In diesem Sinne werden hier drei Aufsätze zum Thema Religion zu einem Heft zusammengestellt. Außerdem ändert sich die Erscheinungsweise des Heftes. PHILOKLES wird in Zukunft als Online-Zeitschrift veröffentlicht. Dabei ändert sich auch die Zählung. Sie erfolgt künftig nicht mehr nach Jahrgängen, sondern fortlaufend. Das vorliegende Heft ist Philokles Nr. 17. (Heft 1 erschien übrigens vor zwölf Jahren, im Januar 1998.)
Das Thema des vorliegenden Heftes ist das Verhältnis der Religion zu Wissenschaft und Philosophie. Das Verhältnis von Religion, Theologie und Wissenschaft ist bekanntlich schwierig. Die Philosophie hat irgendwann die Seite gewechselt. War sie im Mittelalter noch ancilla theologiae, möchte sie heute bei den (Natur-)Wissenschaften in Dienst treten und verleumdet ihre frühere Herrin.
Pirmin Stekeler-Weithofer erinnert an den philosophischen Kern der christlichen Religion, wobei er, durchaus in der Tradition Feuerbachs, versucht, religiöse und theologische Kategorien sprachphilosophisch als Vergegenständlichungen von Worten und Ideen zu deuten, in Analogie zu Hypostasierungen in anderen Redebereichen, nicht zuletzt in den Wissenschaften selbst.
Dass man die religiösen und letztlich metaphysischen Kategorien nicht unbedingt als bloße Hypostasierungen auffassen muss, zeigen die Überlegungen Thomas Wendts. Sein Aufsatz reflektiert aus der Warte eines in der DDR sozialisierten Marxisten und Christen das Verhältnis von Materialismus und Religion als zweier sich scheinbar ausschließender Weltanschauungen. Beide zeigen jedoch bei genauerem Hinschauen gerade hinsichtlich der Realexistenz metaphysischer Prinzipien und der damit verbundenen positiven Antworten auf die Frage nach absoluter Wahrheit erstaunlich übereinstimmende Überzeugungen. Die offensichtlichen Gegensätze betreffen mithin nicht die Möglichkeit, sondern den bestimmten Gehalt der richtigen Auffassung des Seins und seiner Strukturen.
Der Beitrag von Henning Tegtmeyer zeigt, dass die Gegenstände religiösen und theologischen Denkens noch immer große Anziehungskraft auf das Denken ausüben, selbst auf die für ihre antimetaphysische Grundhaltung bekannte analytische Philosophie. Am Beispiel der Arbeiten von Alvin Plantinga und Richard Swinburne, welche sich anschicken, mit den Mitteln der modernen Logik und Wissenschaftstheorie die Existenz Gottes zu beweisen, stellt er die Hilflosigkeit dieser Art von Philosophie im Umgang mit metaphysischen Fragen heraus.

Henning Tegtmeyer

 

Heft 16 (2007)

Die Möglichkeit von FreiheitCover Heft 16 2007

Inhalt

Peter Heuer: Der Weg aus der Determinismusfalle

Kommentare

Katinka Schulte-Ostermann: Freiheit in einer determinierten Welt

Lars Osterloh: Der Schlüssel zur Freiheit?

Lu De Vos: Freiheit in den Determinationsfallen

Frank Kannetzky: Determinationen, die nicht zählen. Ein grundbegrifflicherKommentar zur Freiheitsdebatte

Replik

Leseprobe

Ret Marut: Der Ziegelbrenner. Ausgewählt von Frank Kannetzky und eingeleitet von Peter Heuer

Rezensionen

Zukunft durch empraktisch-kritisches Selbstbewusstsein. Zu: Konstanze Schwarzwald et al. (Hg.): Kritik-Entwürfe. Beiträge nach Foucault. Berlin 2006.(Christian Kögler)

 

Damit es nicht beim Verlangen bleibt. Zu: Thomas Buchheim: Unser Verlangen nach Freiheit. Kein Traum, sondern Drama mit Zukunft.Hamburg 2006. (Peter Heuer)

Kolumne

Christof Forderer: Dionysisches Wählen, apollinisches Regieren

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Editorial

Angriffe auf die Idee menschlicher Freiheit sind letztlich so alt wie die Philosophie. Das antike Denken ließ sich von der Vorstellung einer kosmischen, unpersönlichen ananke, einem fatum oder Schicksal beeindrucken,dem die Menschen unentrinnbar und unabhängig von ihrem Wollen und Entscheiden unterworfen sein sollen. Das nachantike, monotheistische Denken rang mit der Idee eines den menschlichen Willen determinierenden allmächtigen Gottes. Die christliche Philosophie hat den theologischen Determinismus aber schon früh als häretisch verworfen, und weder Judentum noch Islam haben ihn jemals wirklich akzeptiert. So blieb es der Neuzeit vorbehalten, einen die menschliche Willensfreiheit gänzlich negierenden materialistischen Determinismus auszuarbeiten, zunächst allerdings als polemisch-satirisch oder ironisch gebrochene Außenseiterposition wie bei La Mettrie und Holbach. Die eigentliche Blütezeit der philosophischen Leugnung von Willensfreiheit war erst das 19. Jahrhundert; Schopenhauer hat sie prägnant formuliert und wurde später publikumswirksam unterstützt von der sich neu etablierenden Psychologie und Psychopathologie. Vorschläge zu einer umfassenden Umstellung aller Bildungs-, Rechts- und Strafinstitutionen von einem freiheitsbasierten auf ein deterministisches Menschenbild wurden bereits damals gemacht und leidenschaftlich diskutiert. Leser Tolstois kennen die Debatten.
Mit ganz ähnlichen Argumenten und Forderungen, doch gestützt auf neuartige Untersuchungsmethoden versuchen derzeit einige bekannte Hirnforscher und Philosophen zu zeigen, dass der Mensch keinen freien Willen besitzt. Doch die Richtigkeit ihrer Thesen kann – heute nicht anders als damals – letztlich nur a priori entschieden werden, durch Philosophie, nicht durch Hirnforschung. Die Wurzel des modernen Determinismus ist der Materialismus. Peter Heuer greift deshalb in seinem Beitrag den Materialismus als solchen an und versucht zu zeigen, dass schon Lebewesen, obwohl materiell verfasst, nicht denselben deterministischen Naturgesetzen unterworfen sein können wie unbelebte Materie und dass infolgedessen ein uniformer Determinismus nicht einmal als allgemeines Prinzip der Naturwissenschaften taugt. Letztlich will Heuer die menschliche Freiheit so auf ein breiteres ontologisches Fundament stellen. Dieser Versuch steht im Mittelpunkt einer hier dokumentierten kontroversen Diskussion. Die Leseprobe erinnert an Ret Marut alias B. Traven, einen ganz anders orientierten publizistischen und politischen Verteidiger menschlicher Freiheit.

Henning Tegtmeyer

Heft 15 (2006)

Grundlagen der GerechtigkeitCover Heft 15 2006

Inhalt

Haupttext

Felix Ekardt: Grundlagen der Gerechtigkeit. Eine neue diskursrationale Konzeption

Kommentare

Olaf Miemiec: Gerechtigkeit bei Felix Ekardt. Eine Diskussionsbemerkung

Konrad Ott: Ein neuer Stern am Firmament?

Markus Wolf: Braucht die gerechte Grundordnung eine „transzendentale“ Begründung?

Replik

Leseprobe

Platon, Der Staat – ausgewählt und vorgestellt von Henning Tegtmeyer

Rezensionen

Die eigene Fremde. Zu: Rahel Jaeggi: Entfremdung, Arnd Pollmann

Entführung ins philosophische Abendland. Zu: Hartmut Sommer, Der philosophische Reiseführer, Peter Heuer

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Editorial

Gerechtigkeit ist ein Zentralbegriff moralischen, rechtlichen und politischen Denkens. Was Moral oder Recht sind und worum es in der Politik geht, lässt sich nicht begreifen ohne eine Idee von Gerechtigkeit. Dass große Teile der heutigen Politik- und Sozialwissenschaften das anders sehen, ist bekannt, stärkt aber nicht die Überzeugungskraft ihrer Theorien. Ob sich die Idee der Gerechtigkeit aber sinnvoll in die Gestalt einer Gerechtigkeitstheorie bringen lässt, ist umstritten, nicht erst seit John Rawls‘ Theorie der Gerechtigkeit (1971). Nach welchen Kriterien ließe sich die Angemessenheit einer solchen Theorie überhaupt beurteilen? Genügen unsere Intuitionen, oder müssen sich diese ihrerseits im Licht der Theorie korrigieren lassen?

Rawls selbst wirft diese Fragen in seinem Werk auf, beantwortet sie aber nach Ansicht vieler Kritiker nicht befriedigend. In der deutschsprachigen Philosophie hat man daher lange Zeit eine andere Strategie der theoretischen Fundierung von Debatten über das Gerechte und das Ungerechte verfolgt. Man müsse sich, so hieß es hier, als Theoretiker gar nicht anmaßen, selbst zu bestimmen, worin Gerechtigkeit besteht. Man begnüge sich vielmehr damit, Bedingungen zu formulieren, denen solche Debatten genügen müssen, damit man sagen kann, dass ihre Ergebnisse akzeptabel sind. So reduziert man gewissermaßen die relativ komplexe Idee der Gerechtigkeit auf die relativ einfache Idee einer gerechten Debatte und lässt ansonsten den Diskurs für sich selbst sorgen. Das ist – stark vereinfacht – die Grundidee der Diskursethik, wie sie zunächst von Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas entwickelt und dann von zahlreichen Anhängern und Schülern aufgegriffen und gegen skeptische Einwände aller Art verteidigt wurde.

Mittlerweile ist es still um diese Theorie geworden. Selbst mancher frühere Anhänger hält sie mittlerweile für zu formal und strebt nach ’substantielleren‘ Gerechtigkeitstheorien, studiert also eher Rawls oder Marx als Apel oder Habermas. Felix Ekardt hingegen versucht hier, die Diskursethik durch eine Klärung ihrer Grundlagen zu revitalisieren und für neue Anwendungen in der Umwelt- und Nachhaltigkeitsethik zu öffnen. Ob ihm dies gelingt, wird im Heft kontrovers diskutiert.

Radikal anders als alle klassisch modernen Theorien der Gerechtigkeit setzt Platon in der Politeia an. Wie, das zeigt unsere Klassiker-Leseprobe,die schon allein um des Kontrastes willen in dieses Heft gehört.

Heft 14 (2005)

Zwischen Führerkult und Mängelwesen

Zur Aktualität Arnold Gehlens

Frank Kannetzky und Henning Tegtmeyer (Hg.)

 

Inhalt

Interview

Cover Heft 14 2005

„Ordnung ist kein Gefängnis“. Zu Leben und Werk Arnold Gehlens. Karl-Siegbert Rehberg im Gespräch mit PHILOKLES

 

Beiträge

Patrick Wöhrle: Handlung bei Arnold Gehlen – Schlüsselprinzip oder „Schlüsselattitüde“?

Frank Kannetzky: Person, Handlung und Institution. Arnold Gehlens Beitrag zu einer Theorie der Personalität

Christian Thies: Moral bei Gehlen. Anthropologische, zeitdiagnostische und ethische Überlegungen

Michael Hog: „Netzhaut-Optizismus“ und Entlastung – Ästhetische Aspekte der Anthropologie, anthropologische Aspekte der Ästhetik im Werk Arnold Gehlens

Wolfgang Luutz: Territorialität und Institutionalität. Zum Raum der Institutionen bei Arnold Gehlen

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Vorwort

Dieses Heft des Philokles ist aus dem Symposium „Zwischen Führerkult und Mängelwesen. Zur Aktualität Arnold Gehlens“ hervorgegangen, welches anlässlich des 100. Geburtstags Gehlens vom Ethos e.V. in Zusammenarbeit mit dem Institut für Philosophie der Universität Leipzig ausgerichtet wurde.

Arnold Gehlen ist, wo sein Werk gegenwärtig nicht gänzlich ignoriert wird, umstritten wie kaum ein zweiter. Anlass dazu geben sowohl seine Biographie als auch sein Werk. Da sich Gehlen nicht scheute, zu politischen Zeitfragen Stellung zu nehmen, droht die philosophische Würdigung und Kritik seines Werkes und damit auch sein philosophisches Anliegen hinter der eher politisch motivierten Kritik zu verschwinden. Insbesondere aber seine Weigerung, sich der eigenen Nazi-Vergangenheit zu stellen, führte zur Isolation Gehlens. Dabei bleiben allerdings interessante und z.T. hochaktuelle Thesen und Forschungsansätze seiner Anthropologie und Institutionenlehre unbeachtet. Wir meinen, zu unrecht.

Neben der Benennung Gehlenscher Positionen und ihrer Überschneidungen mit Gedanken etwa aus dem Umfeld der Frankfurter Schule oder der Systemtheorie, wäre nach der Berechtigung sowohl der Ignoranz gegenüber Gehlen als auch der Kritik an ihm fragen, vor allem aber, welchen Gewinn uns die Beschäftigung mit Gehlens Werk heute bringen kann. Diesen Fragen gehen die Beiträge des neuen PHILOKLES nach.

Das Heft weicht diesmal vom üblichen Aufbau (Haupttext und Diskussion) ab, ein thematischer Fokus bleibt aber erhalten, und, wie wir meinen, genügend Kontroversen auch.

Frank Kannetzky und Henning Tegtmeyer

Heft 13 (2004)

MarxCover Heft 13 2004

Inhalt

Interview

Interview mit Helmut Seidel: „Wir pflanzen keine dogmatische Fahne auf“ – Zur Aktualität von Marx

Haupttext

Olaf Miemiec: Überlegungen zur Herrschaftskritik von Marx

Kommentare

M. Iorio: Herrschaftskritik bei Marx und Miemiec

R. Raatzsch: Romantik und Kritik

W. Luutz: „Legitime Herrschaft“ auf schwankendem Grund. Herrschaftskritik in der Herrschaftsfalle

P. Grönert: Ist Marx’ Herrschaftskritik widersprüchlich?

R. Jaeggi: Weder Hobbes noch Bakunin

F. Kannetzky: Kooperation, Herrschaft, Utopie

Replik

Leseprobe

Paul Lafargue, Das Recht auf Faulheit. Widerlegung des „Rechts auf Arbeit“ von 1848 – ausgewählt und vorgestellt von Frank Kannetzky

Rezension

Anerkennen – Erkennen – Verkennen. Zu: Axel Honneth: Unsichtbarkeit. Stationen einer Theorie der Intersubjektivität. Frankfurt a.M. 2003 (Robin Celikates)

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Editorial

Dass Totgesagte länger leben, hätten auch diejenigen wissen können, die vor fünfzehn Jahren dem Denken von Karl Marx den Totenschein ausstellten. Jede weitere Beschäftigung mit Marx galt nicht bloß als fortan obsolet, sondern als geradezu anrüchige Komplizenschaft mit totalitärem Denken. Wie schnell sich die Zeiten ändern. Mittlerweile haben viele denkende Beobachter des globalisierten ökonomischen Geschehens den Eindruck, dass bis heute keine ökonomische Theorie der freien Marktwirtschaft der Marxschen an Übersicht, Gründlichkeit und Scharfsinn gleichkommt. So könnte es scheinen, als habe das Zeitalter des Marxismus gerade erst begonnen.

Diese Entwicklung ist durch den Zusammenbruch des Systems sozialistischer Staaten in Osteuropa und Asien erst möglich geworden, der nicht zuletzt auch eine Befreiung des politischen Denkens mit sich brachte, trotz der Phase kollektiver geistiger Lähmung in den Neunziger Jahren. Marx stand seit dem Oktober 1917 im immer länger werdenden Schatten Lenins und dann Stalins; ironischerweise tritt er aus diesem Doppelschatten jetzt heraus. Einer, der sich schon vor fast vierzig Jahren dafür eingesetzt und sich deswegen großen Schwierigkeiten ausgesetzt hat, ist der Leipziger Philosophiehistoriker Helmut Seidel, der sich im Gespräch mit PHILOKLES an die Kämpfe um ein nicht marxistisch-leninistisches Marxbild in der DDR erinnert.

Nun ist Marx alles andere als ein unproblematischer Autor. Der Status seines Geschichtsdenkens, die moralischen Voraussetzungen und impliziten utopischen Hoffnungen seiner ökonomischen Kritik, die so in Spannung stehen zu seiner Absage an einen moralischen Kathedersozialismus und einen utopischen Kommunismus, beschäftigen die Marxrezeption von jeher. Welche besondere, bisher selten problematisierte Rolle seine Herrschaftskritik spielt, untersucht jetzt Olaf Miemiec, z.T. im Anschluss an Raymond Geuss. Die Leseprobe erinnert an Paul Lafargue, den Schwiegersohn von Karl Marx und radikalen Kritiker der Arbeitsgesellschaft, die noch immer die unsere ist. Die Rezension stellt eine neue Publikation von Axel Honneth vor, dem derzeit wohl namhaftesten deutschen Sozialphilosophen aus der ‚Frankfurter Schule‘, für die ein kritischer und unideologischer Umgang mit Marx schon immer selbstverständlich war. Totgesagte leben länger; verkehrte Verteufelungen haben so wenig Bestand wie falsche Glorienscheine. Auch das ist wohl eine Lehre aus der unvoreingenommenen Auseinandersetzung mit Karl Marx heute.

Henning Tegtmeyer

Heft 12 (2003)

KriegCover Heft 12 2003

Aus dem Inhalt

Interview

mit Georg Meggle: „‚Terrorismus‘ ist ein Kampfbegriff“

Haupttext

Ulrike Kleemeier: Der Krieg als Gegenstand philosophischen Denkens

Kommentare

von F. Dietrich, D. Meßelken, P. Stekeler-Weithofer und M. Wolf

Henning Tegtmeyer: Denken und Handeln. Nach dem Terror im Feuilleton

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Editorial

Die Welt, in der wir leben, ist nicht friedlich. Das Ende jenes vierzigjährigen bedrohlichen Friedens, den man den ‚Kalten Krieg‘ nannte, hat der Menschheit nicht wie erhofft ein Ende der Geschichte von Kriegen und politischer Gewalt gebracht. Im
Gegenteil. ‚Neue Kriege‘ (Herfried Münkler) destabilisieren weite Teile der Welt, alte Konflikte wie der zwischen Indien und Pakistan drohen zu eskalieren, da kein Gleichgewicht überlegener Mächte sie mehr in Schach hält. Hinzu kommt seit dem 11.9. 2001 ein sich beständig ausweitender ‚Kampf‘ bzw. ‚Krieg gegen den Terror‘. Das
kriegsmüde Europa steht vor der immensen Schwierigkeit, seine Position in dieser Welt(un)ordnung zu finden.

Was immer Philosophie in einer solchen weltpolitischen Lage zu leisten vermag, eines kann sie sicher nicht: die politischen Probleme lösen, welche diese Situation herbeigeführt haben. Doch sie kann uns zumindest helfen, sie überhaupt zu verstehen, indem sie versucht, verstehensnotwendige Grundbegriffe zu erhellen. Das ist die angestammte Aufgabe politischer Philosophie.

Nun zeigt sich, dass wir (noch) in einer Welt leben, in der zu einer gründlichen politischen Philosophie auch eine Philosophie des Krieges gehört. Eine solche Philosophie des Krieges wird allerdings über die Binsenweisheit hinausgehen müssen, dass Krieg ‚im Prinzip‘ ein Übel, ‚in der Praxis‘ aber manchmal unvermeidlich ist. Sie wird sich ferner nicht damit begnügen, Bedingungen zu formulieren, unter denen ein Krieg gerecht(fertigt) sein kann. Vielmehr wird sie versuchen, das Wesen des Krieges selbst in seiner Vielgestaltigkeit zu begreifen. Das jedenfalls fordert Ulrike Kleemeier. Sie plädiert für eine Philosophie des Krieges im Geist von Thukydides, Hobbes, Spinoza oder Clausewitz.

Georg Meggle geht im Interview dem Problem der richtigen Beurteilung politischer Gewalt, insbesondere politischen, auch staatlichen Terrors nach.

Eine ausführliche Leseprobe aus Carl von Clausewitz’ klassischer Theorie des Krieges und eine Rezension zu Jonathan Glovers philosophischer Geschichte der politischen
Menschheitsverbrechen im 20. Jahrhundert beleuchten auf je eigene Weise den Zusammenhang von Krieg, Politik und Moral. Dabei zeigt sich, dass sich das philosophische Nachdenken über den Krieg Moralblindheit ebenso wenig leistenkann wie ein naives Moralisieren.

Henning Tegtmeyer

Heft 11 (2002/1)

Sport

Cover Heft 11 2002-2

Aus dem Inhalt

Interview

mit Wilhelm Schmid: „Man kann eine Philosophie haben, auch ohne Philosoph zu sein.“

Haupttext

Volker Caysa: Sportphilosophie als kritische Anthropologie des Körpers

Kommentare

von F. Bockrath, C. Pawlenka und V. Schürmann

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Editorial

„Was ist und zu welchem Ende betreibt man Sportphilosophie?“ Das ist, frei nach  Schiller, Thema dieser Ausgabe von PHILOKLES. Die Frage drängt sich auf. Denn beim ersten Hören klingt der Ausdruck ‚Philosophie des Sports‘ ähnlich abwegig wie ‚Philosophie des Backens‘ oder ähnlich anmaßend wie die sattsam bekannten Konzepte so genannter ‚Unternehmensphilosophie‘. Beim Sp

ort scheint es sich ja um eine maximal philosophieferne Praxis zu handeln. Aus Volker Caysas Sicht ist das auch tatsächlich so, allerdings zum Schaden des Sports. In der Sportpraxis ist, so Caysas Diagnose, noch immer weitgehend unbemerkt geblieben, welche Rolle der Sport in unserer heutigen Lebenswirklichkeit spielt, nämlich einzuführen in eine neue Körperkultur, die zunehmend auch außerhalb des Sports für unsere Identität und unsere Selbst- und Körperverhältnisse bestimmend wird. Eben das macht den Sport für die philosophische Anthropologie interessant.

Weil diese sportbedingten  kulturellen Veränderungen im Sport selbst jedoch nicht oder kaum bemerkt werden, trägt die Sportpraxis in vielerlei Hinsicht anachronistische Züge. Anachronismen werden greifbar in den vieldiskutierten und von der traditionellen Sportpraxis nicht lösbaren Dauerproblemen des heutigen Sports, allen voran den Problemen rund ums Doping. Die bestehende Sportpraxis scheint Doping einerseits geradezu zu erzwingen, andererseits aber ächten zu müssen. Solche Überlegungen lassen Sportphilosophie, insbesondere Sportethik, für den Sport selbst interessant werden.

Eine neue philosophische Disziplin wie die Philosophie des Sports wirft naturgemäß viele Fragen auf, z.B. nach Umfang und Inhalt des Sportbegriffs und nach dem genauen Ort philosophischer Reflexion und Kritik. Solcherlei Fragen werfen F. Bockrath, C.  Pawlenka und V. Schürmann in ihren kritischen Kommentaren auf.

Im Interview mit W. Schmid geht PHILOKLES dem Verhältnis von Sport und Lebenskunst nach,  während K. Schwarzwald in einer Rezension auf die extreme Sport- und Abenteuerpraxis Reinhold Messners aufmerksam macht, der für Caysa und Schmid Avantgardist einer neuen Lebens- und Körperkultur ist. Unsere Leseprobe führt uns auf den Spuren Pindars in die in hohem Maße vom Sport geprägte Kultur des antiken Griechenland, die neben dem Sport auch die Philosophie hervorgebracht hat.

Henning Tegtmeyer