Aktuelles Heft

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Philokles 22

Selbsttäuschung

August 2017

 

Aus dem Inhalt

Aufsätze

Sich in die eigene Tasche lügen? Selbsttäuschung als irrationales Projekt (Amber Griffioen)

Kann Selbsttäuschung moralisch gut sein? (Kathi Beier)

Gruppenselbsttäuschung (Christoph Michel)

 

Interview

Lüge, Täuschung, Selbstbetrug. Fragen zum Umgang des Menschen mit der Wahrheit mit Simone Dietz und Eberhard Schockenhoff

 

Leseprobe

Vladimir Jankélévitch: Von der Lüge

 

Rezension

Thomas L. Carson: Lying and Deception (Christiane Turza)

 

Buchnotizen

Markus Gabriel: Sinn und Existenz

Christoph Menke: Kritik der Rechte

Jan Cornelius Schmidt: Das Andere der Natur

 

Kolumne

Ungläubige Verachtung. Kleine Studie politischer Selbsttäuschung (Peter Wiersbinski)

Hier das gesamte Heft 22 zum Download

 

Editorial

Dass Wissenschaft ohne Wahrheit unmöglich ist, wird kein Wissenschaftler ernsthaft bestreiten. Wer Wissen sucht, will das Wahre vom Falschen trennen. Die Wissenschaft der Wahrheit ist dagegen von widerstreitenden Auffassungen geprägt. Bis heute sind sich gerade Philosophen über Fragen wie ‚Was ist Wahrheit?‘, ‚Ist Wahrhaftigkeit ein Wert?‘, ‚Muss man mitunter lügen?‘ oder ‚Kann man sich selbst belügen?‘ erfreulich uneins. Erfreulich deshalb, weil sich Philokles mit diesem Heft in diesen Streit einmischen kann. Dabei werfen die folgenden Beiträge den Blick vor allem auf Phänomene, die der Wahrheit und insbesondere der Wahrhaftigkeit entgegenstehen, nämlich auf Lüge und Selbsttäuschung.
Wie im letzten Heft schon haben wir wieder drei Aufsätze mit je eigener Perspektive und Fragestellung versammelt. Amber Griffioen sucht nach einer Erklärung für Fälle individueller Selbsttäuschung, denn dass wir uns mitunter in die je eigene Tasche lügen, scheint eine Tatsache zu sein. Wie aber ist das eigentlich möglich? Dabei ist es Griffioen wichtig, Selbsttäuschung zugleich als irrationales und als intentionales Phänomen zu begreifen. Wer sich selbst täuscht, so ihre These, begeht „epistemische Sabotage“, d. h. er unterläuft absichtlich die Maßstäbe epistemischer Rationalität und ist daher für seine Unwissenheit selbst verantwortlich. Doch wie können Irrationalität und Intentionalität zusammenkommen? Um zu erklären, wie man an einer Überzeugung festhalten kann, die sich, wie man eigentlich weiß, rational nicht rechtfertigen lässt, schlägt Griffioen vor, Selbsttäuschung als einen Prozess zu verstehen, also das Diachrone am „Projekt der Selbsttäuschung“ genauer in den Blick zu nehmen. Dabei ergibt sich eine interessante Parallele zwischen Personen, die sich selbst täuschen, und denen, die kellnern, Basketball spielen oder ein Musikstück aufführen.

Der Beitrag von Kathi Beier thematisiert nicht die Möglichkeit individueller Selbsttäuschung, sondern fragt nach ihrem moralischen Wert. Ist Selbsttäuschung immer moralisch schlecht, oder kann sie auch gerechtfertigt sein? So nahe diese Frage liegt, so wenig wird sie in der Forschung adressiert. Entsprechend gibt es wenige Vorbilder für ihre methodische Beantwortung. Die Methode, die Kathi Beier vorschlägt, ist eine Analogie zwischen Lüge und Selbsttäuschung. Wenn man Selbsttäuschung als eine Art der Lüge gegen sich selbst versteht, so die These, dann lassen sich vielleicht die klassischen Argumente für und gegen den Wert des Lügens auf die Selbsttäuschung übertragen. Die Analyse dieser Argumente und der Versuch, sie auf die Selbsttäuschung zu übertragen, führt schließlich zu dem Ergebnis, dass die Selbsttäuschung moralisch schlecht ist — egal, welcher Theorie der Erklärung ihrer Möglichkeit man anhängt.
Eine ebenso in der Forschung noch relativ wenig diskutierte Frage ist die nach der Möglichkeit von kollektiver Selbsttäuschung. Insofern betreibt Christoph Michel in seinem Beitrag echte Grundlagenarbeit. Er geht von der These aus, dass manches Scheitern von kollektiven Projekten offenbar am besten als Gruppenselbsttäuschung zu diagnostizieren ist. Das Versagen der NASA vor der Challenger-Katastrophe am 28. Januar 1986 scheint dafür ein Beispiel zu sein. Obwohl eine Gruppenselbsttäuschung etwas anderes ist als die Summe der individuellen Selbsttäuschungen der Mitglieder einer Gruppe, sind die Fragen und Probleme bezüglich individueller und kollektiver Selbsttäuschung ähnlich. Setzt die Selbsttäuschung voraus, dass die Gruppe die Evidenz kennen muss, die sie zugleich zu verleugnen versucht? Oder reicht es, wenn diese Evidenz einzelnen Gruppenmitgliedern zugänglich ist? Kann die Gruppenselbsttäuschung beabsichtigt sein? Wem wäre eine solche Absicht zuzuschreiben? Und wie lässt sich der Unterschied zwischen einer schlichten Fehleinschätzung durch eine Gruppe und einer Gruppenselbsttäuschung beschreiben?

Dass verschiedene Wissenschaften, nicht nur verschiedene Wissenschaftler, das Thema Wahrheit und Lüge je verschieden betrachten und bewerten, beweist auch unser Interview. Zum ersten Mal hat Philokles ein ungefähr gleiches Set von Fragen Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Disziplinen vorgelegt. Wir danken der Philosophin Simone Dietz und dem Moraltheologen Eberhard Schockenhoff sehr herzlich für ihre Antworten.

In der Leseprobe stellen wir das sonst wenig beachtete Buch Von der Lüge (Du mensonge) des französischen Philosophen Vladimir Jankélévitch (1903–1985) vor. Darin beschreibt er u. a. die Mitschuld des Belogenen am Zustandekommen einer Lüge und verteidigt das Lügen — zumindest in bestimmten Situationen. Der moralischen Einordnung der Lüge, insbesondere in ihrem Unterschied zur Täuschung, geht auch der in Chicago lehrende Philosoph Thomas L. Carson in seinem Buch Lying and Deception nach, das Christiane Turza in ihrer Rezension ausführlich bespricht. In unserer neuen Rubrik „Buchnotizen“ werden in knapper Form drei weitere neuere philosophische Veröffentlichungen vorgestellt. Schließlich findet unser Kolumnist Peter Wiersbinski im politischen Alltag jede Menge Raum für Formen der Täuschung; ihn interessiert vor allem die seiner Meinung nach widersprüchliche Haltung vieler Politiker und politisch Interessierter gegenüber den so genannten Rechts-Populisten unserer Zeit. Ein Beispiel für eine tiefsitzende Selbsttäuschung?

Kathi Beier und Peter Heuer

 

 

Heft 21 (2015)

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Inhalt

Editorial
Interview

Gibt es eine Krise der Wissenschaft? Ein Interview mit Holm Tetens

Aufsätze

Wissenschaft in der Krise? Versuch einer Diagnose im Anschluss an Husserl (Henning Tegtmeyer)

Naturerkenntnis und Freiheitsinteresse. Eine Studie zum Freiheitsbegriff in Galileis Wissenschaftskonzeption (Florian Braun)

Krise der Wissenschaft? Krisen der Wissenschaften! (Manuel Reinhard)

Leseprobe

John Henry Newman: Wissen als Selbstzweck

Rezension

Thomas Nagel: Geist und Kosmos (Christian Kietzmann)

Kolumne

Wo sind all die Rassen hin? (Peter Heuer) 

 

Das Heft zum Download

 

Editorial

Wieso sollten ausgerechnet die Wissenschaften in einer Krise stecken? Alles scheint dagegen zu sprechen, dass es sich so verhält: Die Erfolgsmeldungen überschlagen sich. Forscher dringen sowohl im Kleinen als auch im Großen in Bereiche vor, von denen Kenntnis zu erlangen noch vor wenigen Jahrzehnten unmöglich schien. Allenthalben entstehen neue Techniken, die es uns ermöglichen, die Natur mehr und mehr zu beherrschen.

Der Begriff „Krise“ wird gegenwärtig oft leichtfertig verwendet, auch in Zusammenhängen, in denen gar keine existentielle Gefahr besteht. Unbenommen davon gibt es jedoch krisenbehaftete Unternehmungen. Krise bedeutet hier nicht gleich Niedergang oder Verfall. Sie bezeichnet aber in jedem Fall eine Situation, in welcher eine Entscheidung innerhalb einer gefährlichen Entwicklung ansteht, denjenigen Punkt, an dem entweder Rettung naht oder Verfall einsetzt. Philokles stellt die Frage, ob die Wissenschaften sich in einer Krise befinden und worin diese gegebenenfalls besteht. Mit dieser Frage haben wie drei Autoren konfrontiert und präsentieren deren Antworten:

Henning Tegtmeyer weist darauf hin, dass die Frage nicht neu ist. Er erinnert an die Krisis-Schrift Edmund Husserls, mit der dieser vor bereits achtzig Jahren der modernen Wissenschaft insgesamt attestierte, sich in einer tiefen Krise zu befinden. Sie entsteht durch einen Mangel an Philosophie bzw. Metaphysik und zeigt sich z.B. in falsch gesteckten wissenschaftlichen Zielen. Tegtmeyer weist vor allem auf zwei falsche Ideale hin, an denen sich die neuzeitliche Wissenschaft orientiert: das Bacon- und das Galilei-Projekt. In ersterem wird Erkenntnis auf technische Beherrschbarkeit reduziert, letzteres legt eine falsche Idee des Wissens zugrunde.

Die Überlegungen Florian Brauns zeigen ebenfalls problematische Tendenzen in der Entwicklung der modernen Wissenschaften auf und ergänzen das von Tegtmeyer gezeichnete Bild. Braun sieht insbesondere die Freiheit der Forschung gefährdet und damit zugleich die Möglichkeit zwangloser Wahrheitssuche. Dafür gibt es zwei Gründe: Der eine ist wissenschaftsextern und besteht in der Einflussnahme von Politik und Wirtschaft auf die Forschung, der andere ist wissenschaftsintern und liegt in einem selbst auferlegten Methodenzwang.

Manuel Reinhard macht in seinem Beitrag hingegen darauf aufmerksam, dass philosophische Überlegungen sich nicht einfach mit einer Diagnose von Missständen zufriedengeben dürfen, sondern vielmehr in sich selbst reflektiert sein müssen, um nicht in Gefahr zu geraten, ideologisch zu werden. Aus diesem Grund müsse sich auch die Diagnose einer Krise der Wissenschaften selbst der philosophischen Kritik stellen.

Als Interviewpartner haben wir für unser Thema Holm Tetens gewinnen können – einen Philosophen, der entschieden gegen szientistische Tendenzen in den Geisteswissenschaften argumentiert, wie etwa bekannte Versuche, Bewusstseinsphänomene auf neurophysiologische Prozesse zu reduzieren. Auch er hegt den Verdacht, dass sich die Wissenschaften in einer Krise befinden. Gerade ihr offensichtlicher Erfolg berge die Gefahr zur Selbstüberschätzung in sich. Diese zeige sich nicht nur in der unreflektierten Überschreitung von Fächergrenzen, zu welcher die modernen Wissenschaften neigen, sondern auch in einem rein funktionalen Verhältnis zur Natur, welches die Würde und Schönheit des Lebens nicht länger zu sehen erlaubt. Die Natur werde vielmehr nur noch als Material für technische Zusammenhänge begriffen und dabei ihre Zerstörung in Kauf genommen.

Die Buchrezension befasst sich mit dem 2012 erschienenem Buch Geist und Kosmos von Thomas Nagel, welches mit zentralen Lehrmeinungen der Naturwissenschaften ins Gericht geht und zu erklären versucht, wie es im Untertitel der Buches heißt, warum „die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist.“ Mit einer ähnlichen Absicht widmet sich unsere Kolumne einem systematischen Problem der am Evolutionsparadigma orientierten modernen Biologie, nämlich dem darin verwendeten Artbegriff.

Mit der Leseprobe wird dagegen ein allgemeines Verständnis menschlichen Wissens und seines Wertes zur Diskussion gestellt. Der Text ist John Henry Newmans bildungsphilosophischen Vorlesungen The Idea of a University entnommen, in denen er unter anderem der Frage nachgeht, warum Wissen und damit letztlich auch Wissenschaft für uns Menschen überhaupt erstrebenswert sind.

Unser Titelbild zeigt ein Foto von Jaques Henri Lartigue, einem Pionier der französischen Fotografie. Lartigue hat als einer der ersten Momentaufnahmen festgehalten und war Meister darin, einen ironischen Blick auf die unterschiedlichsten menschlichen Unternehmungen zu werfen.

Peter Heuer

Heft 20 (2014)

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Interview
Das Maß der Zeit. Peter Janich im Gespräch mit PHILOKLES über das richtige Verständnis von Zeit und die Rolle der Zeitmessung

Aufsätze
Wo ist die Zeit, bevor sie gemessen wird? Über das Verhältnis von Bewegung und Zeit bei Aristoteles  (Michael Vogt)

Zeitallgemeinheit und Zeitlichkeit im Weltbezug und Weltverlauf. Überlegungen zum Zeitbegriff im Anschluss an Hegel  (Pirmin Stekeler-Weithofer)

McTaggarts Irrealität der Zeit  (Claudia Reich)

Das Wesen der Zeit  (Nikos Psarros)

Zeit und (menschliche) Existenz  (Andreas Luckner)

Rezension 
Ursula Coopes Time for Aristotle  (Michael Frey)

Leseprobe
Augustinus: Bekenntnisse, Elftes Buch  (ausgewählt und vorgestellt von Peter Heuer)

Das Heft zum Download


Editorial

PHILOKLES erscheint diesmal nicht als Diskussionsheft. Vielmehr wurden fünf Aufsätze zusammengestellt, in denen es in vielfältiger Weise um ‚Zeit‘ geht. Auch wenn ‚Zeit‘ nicht an die ganz großen metaphysischen Themen, wie etwa Welt, Seele oder Gott heranreicht, ist sie doch ein wirkliches philosophisches Problem. Zeit, das lernen bereits Kinder, kann man nicht sehen und anfassen, aber irgendwie gibt es sie doch. Um sich ihrer zu vergewissern, muss man nachdenken, d. h. philosophieren. Zeit ist all­ge­gen­wärtig und so liegt es nahe, an ihrem Beispiel in die Seinsweise geis­tiger, abstrakter Gegenstände vorzudringen.

Über die Seinsweise abstrakter Gegenstände ist man sich innerhalb der Philosophie von jeher uneins. Es gibt drei prominente Positionen: den Nominalismus, den Rea­lismus und den Konzeptualismus. Nominalisten mei­nen, abstrakte Gegenstände seien nicht real existent, sondern nur im menschlichen Bewusstsein vorhanden. Realisten vertreten die gegenteilige Position, sie behaupten eine vom Bewusstsein unabhängige Realexistenz abstrakter Gegenstände. Konzeptualisten versuchen, einen Mittelweg zu gehen.

Michael Vogt führt seine Leser in die Zeittheorie Aristoteles’ ein. Aris­toteles vertritt eine konzeptualistische Position. Zeit hat für ihn einer­seits eine der Bewegung physischer Körper nachfolgende Realexistenz, an­dererseits aber auch ein Sein im menschlichen Bewusstsein. Michael Vogt diskutiert eine Reihe möglicher Auflösungen dieser scheinbaren Paradoxie und gelangt zu der Ansicht, dass es sich dabei um zwei verschiedene Arten von Zeit handelt.

Pirmin Stekeler-Weithofer entwickelt seine Überlegungen mit Bezug auf Hegels Kritik an Kants Auffassung von Zeit. Kant leugnet die Real­existenz der Zeit und erklärt sie zu einer vom Subjekt an die Wahr­neh­mungs­si­tu­ation herangetragenen Form der Anschauung. Hegel zeige, so Stekeler-Weit­hofer, dass eine solche Auffassung ‚mystisch‘ sei. Statt­des­sen sei Zeit als reiner (Hegel’scher) Begriff aufzufassen. Auch für Hegel habe Zeit keine Realexistenz. Vielmehr sei sie ein Konzept, über welches die Spre­cher­gemeinschaft immer schon verfüge und an dem der einzelne Spre­ch­er An­teil habe.

Claudia Reich berichtet über die Zeittheorie McTaggarts, eines Phi­losophen des zwanzigsten Jahrhunderts. McTaggarts Überlegungen zur Zeit lassen sich dem Neukantianismus zurechnen und kulminieren in der These, Zeit sei irreal.

Nikos Psarros versucht sich dem Thema ‚Zeit‘ eigenständig zu nähern. Er entwickelt dafür eine neue Begrifflichkeit und vertritt die ungewöhn-liche These, Zeit sei – ähnlich den sogenannten Transzendentalien – eine analoge Kategorie, die in jedem Bereich des Seins eine wesentlich andere Bedeutung habe. Um seine These zu verteidigen, vergleicht er die spe-zifische Zeitlichkeit von Gedanken mit der des physischen Seins.

Andreas Luckner erarbeitet eine Phänomenologie unseres subjektiven Zeiterlebens. Fragen, die ihn dabei interessieren, sind: Wie ist es zu er­klä­ren, dass es uns im Rückblick nach einer Reise so vorkommt, als sei die Zeit langsamer vergangen als sonst, während sie uns unterwegs wie im Flug zu ver­gehen schien? Insbesondere finden auch die Phänomene Lang­e­weile, Kurz­weil, Stress und Muße sein besonderes Augenmerk.

Ergänzt wird das Heft durch ein Interview mit Peter Janich, einem der wichtigsten Vertreter des Konstruktivismus bzw. Kulturalismus. Deren Po­sition versucht, die Gegenstände der Wissenschaften, unter ihnen die Zeit, in lebensweltlichen Praxen zu fundieren. Janich hat vor Jahren eine Protophysik der Zeit erarbeitet und antwortet vor diesem Hintergrund auf un­sere Fragen.

Unsere Rezension befasst sich noch einmal mit Aristoteles’ Zeittheorie, sie bespricht Ursula Coopes Buch Time for Aristotle, einen in jüngster Zeit entstandenen Aristoteleskommentar.

Als Leseprobe werden Ausschnitte aus dem elften Buch der Bekennt­nisse des Augustinus’ abgedruckt, in denen er seine Zeittheorie entwickelt. Sein besonderes Interesse gilt dem Verhältnis von Ewigkeit und Zeit­lichkeit. Auch Augustinus vertritt eine aristotelische Zeitauffassung und arbeitet sie näher aus. Er meint, dass die Zeit zwar zusammen mit der Be­we­gung der irdischen Dinge geschöpft worden sei, aber erst dann Voll­endung finde, wenn sie im menschlichen Bewusstsein gezählt und ge­mes­sen werde, d. h. zu ihrem wirklichen Sein gelange.

Die aristotelisch-augustinische Auffassung der Zeit motivierte auch die Auswahl des Titelbilds. Bei Sonnenuhren fällt bekanntlich der in Folge der Erdrotation wandernde Schatten auf eine von Menschen angefertigte Skala und misst so die Zeit. Auf diese Weise demonstrieren Sonnenuhren ein Zu­sam­­menspiel von kosmischer Bewegung und menschli­cher Vernunft. Son­nen­uhren sind zwar keine besonders genauen Zeit­messer, aber auf Grund ihrer Konstruktion wird das Geheimnis der Zeit, ein Zwitterwesen aus Natur und Geist zu sein, ein Stück weit sinnfällig. Dies ist bei anderen Arten von Uhren nicht in gleicher Weise der Fall.

Peter Heuer

Heft 19 (2012)

TugendCover Heft 19 (2012)

Inhalt

Interview

mit Anselm Müller: Die Moral korrekt deuten

Text

Martin Palauneck, Die Definition der Tugend bei Aristoteles

Kommentare
Johanna Lang: Über das Verhältnis von Eudaimonia und Erziehung
Johann Gudmundsson:Ist Aristoteles’ Definition der Tugend gehaltvoll?
Bruno Langmeier: Einige Bemerkungen zum Zusammenhang von Tugend und Glückseligkeit bei Aristoteles
Peter Heuer: Eine Lanze für die Mesoteslehre
Replik
Martin Palauneck: Eine Anleitung zum Glücklichsein
Leseprobe
Max Scheler: Zur Rehabilitierung der Tugend, ausgewählt und eingeleitet von Christian Kietzmann
Wilhelm Busch: Ach, ich fühl es!
 Zu guter letzt
Kolumne
Gunther Bachmann: Überlegungen zur Tugend
Rezension
Nikos Psarros zu: „Es ist sinnlos, gegen Nägel zu treten“, zu: Hans Albert, Joseph Ratzingers Rettung des Christentums – Beschränkungen des Vernunftgebrauchs im Dienste des Glaubens, Aschaffenburg 2008

Das Heft zum Download


Editorial

Seit geraumer Zeit ist in der moralphilosophischen Debatte Tugend wieder ein Thema. Die Wiederbesinnung auf dieses Konzept ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass zahlreiche ethische Problemesich mit Hilfe der beiden die Neuzeit dominierenden Ethiken, der Ethik Kants und der des Utilitarismus, nur unbefriedigend diskutieren lassen, zumal sie mitunter zu einander widersprechenden Auskünften gelangen. Fragt man z. B., ob Tyrannenmord  moralisch  erlaubt  sei, antwortet die Ethik Kants mit einem entschieden Nein. Sie kommt zu dieser Auskunft, da das Tötungsverbot, wie die Prüfung durch den Kategorischen Imperativ ergibt, ausnahmslose Geltung hat. Der Utilitarismus hingegen gelangt zu einem entschiedenen Ja. Er gibt  seine Antwort in  Folge eines Kalküls, nach dem die  Interessen  der unzähligen unter der Herrschaft leidenden Bürger mit denen des einen Tyrannen  ins  Verhältnis gesetzt und abgewogen werden. Beide Antworten befriedigen  nicht. Mit Blick  auf  das  Elend der Gemeinschaft  scheint uns das Neinzu rigide zu sein, hingegen, mit Blick auf die erforderliche Tötung eines Menschen, das Jazu leichtfertig. Von der Tugendethik erhofft man sich, dass sie hier ausgewogener zu antworten versteht.
Doch was sind Tugenden überhaupt, und ist es denn richtig, dass eine Ethik, die sie in Betracht zieht, in derart schwerwiegenden Fragen zu richtigeren Antworten gelangen kann? Dies zu  diskutieren, ist Aufgabe  des vorliegenden PHILOKLES, für den Martin Palauneck den Leitartikel verfasst hat. Er und seine Mitdiskutanten setzen sich in kontroverser Weise mit der Tugendethik des Aristoteles auseinander. VerwandtenFragen, insbesondere hinsichtlich der Aktualität  der  Tugendethik, widmet sich auch das Interview, für das wir mit Anselm Müller einen Philosophen gewinnen konnten, der wesentlich zur Entwicklung der gegenwärtigen Debatte um Tugenden beigetragen hat.
Die Leseprobe erinnert an eine wichtige Schrift MaxSchelers und damit an einen fast vergessenen Versuch, Tugendethik wiederzubeleben. Abgerundet wird das Heft durch eine  Kolumne von Gunther Bachmann, die sich mit Tugendhaftigkeit auseinandersetzt, insbesondere mit der Frage, ob sie zwangsläufig den Erfordernissen der Wirtschaft entgegenstehen muss, und durch die Rezension eines Buchs von Hans Albert, der aus Sicht des Kritischen Rationalismus versucht, die christliche Religion zu verwerfen. Sie kann als Auseinandersetzung mit der Tugend der Wahrhaftigkeit gelesen werden.

Peter Heuer

Heft 18 (2011)

HandlungstheorieCover Heft 18 (2011)

Inhalt

Marco Iorio: Theorie und Praxis des vernünftigen Handelns

Kommentare

Christian Kietzmann: Was taugt die Entscheidungstheorie?

Anne Mazuga: Vernünftige Leute. Anfragen an ein Ideal

Thomas Zoglauer: Zweckrationalität und Wertrationalität

Replik

Marco Iorio: Replik

Leseprobe

Thomas von Aquin, Über gutes und schlechtes Handeln, ausgewählt und eingeleitet von Kathi Beier

Das Heft zum Download


Editorial

Die Handlungstheorie gehört nicht unbedingt zu den klassischen Grunddisziplinen der Philosophie. Aristoteles skizziert die Grundzüge einer philosophischen Handlungstheorie im Rahmen seiner Ethik, und die Ethik ist bis ins 19. Jahrhundert hinein stets die Disziplin gewesen, in der sich Philosophie systematisch mit Begriff und Formen des Handelns auseinandergesetzt hat. Alternative, ethikfreie Ansätze wie der David Humes bleiben lange Zeit Außenseiterpositionen. Erst im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert bilden sich Bestrebungen heraus, eine nicht-normative, moralunabhängige Handlungstheorie zu formulieren, die psychologisch fundiert, empirisch überprüfbar und als philosophiefreie theoretische Grundlage der modernen Sozial- und Wirtschaftswissenschaften tauglich sein soll. Die so genannte Standardtheorie rationalen Handelns, die sich auf Vorarbeiten von Thomas Hobbes, David Hume und anderen stützt und versucht, mit möglichst sparsamen Annahmen menschliches Handeln möglichst umfassend zu erklären, bietet sich hier an. Ursprünglich wird sie als Anwendung der neu entstehenden formalen Logik und logisierten Mathematik entworfen. Ihre leichte Formalisierbarkeit macht sie für viele Theoretiker zusätzlich attraktiv. In der vorliegenden Ausgabe des PHILOKLES bricht Marco Iorio eine Lanze für diese Theorie; er erläutert die sie leitenden Intuitionen und lotet ihre Leistungskraft aus, nicht ohne sie kritisch zu deuten und auf ihre Grenzen hinzuweisen.
Die Theorie rationalen Handelns ist immer schon starken Einwänden ausgesetzt gewesen, die letztlich auf zwei Grundeinwände hinauslaufen. Erstens wird ihr vorgeworfen, sie mache unrealistische Annahmen über die Planungs- und Berechnungsfähigkeiten menschlicher Akteure. Zweitens – und vielleicht schwerer wiegend – glauben viele Kritiker nicht, dass ein Handeln im Sinne der rationalen Handlungstheorie verdient, rational oder vernünftig genannt zu werden. Die kritischen Kommentare Christian Kietzmanns, Anne Mazugas und Thomas Zoglauers formulieren Spielarten dieser Einwände.
Die Leseprobe erinnert an eine klassische Alternative zur klassischen Handlungstheorie – an die aristotelische Handlungstheorie in der Fassung des Thomas von Aquin.

Henning Tegtmeyer

Heft 17 (2011)

Über Gott und ReligionCover Heft 17 (2010)

Inhalt
Pirmin Stekeler-Weithofer: Der Gottmensch. Zur Philosophie der christlichen Religion
Thomas Wendt: Weltanschauung und kooperatives Handeln. Historisches und Systematisches zum Verhältnis von Marxismus-Leninismus und Christentum – Paradigmatisches zum Vergleich konkurrierender Weltanschauungen
Henning Tegtmeyer: Probleme der analytischen Religionsphilosophie. Dargestellt am Beispiel zweier neuerer Versuche, die Existenz Gottes zu beweisen
Rezension: Vorbild und Moralprinzip. Rez. zu: Richard Raatzsch: Autorität und Autonomie. Paderborn 2007 (von Lars Osterloh)

Editorial

Nach langer Pause erscheint PHILOKLES diesmal in veränderter Gestalt. Künftig sollen neben die bereits etablierte Form der philosophischen Diskussion aus Text, Kommentaren und Replik auch andere Formen der Präsentation philosophischer Debatten treten, u.a. die Zusammenstellung verschiedener Essays zu einem gemeinsamen Thema. In diesem Sinne werden hier drei Aufsätze zum Thema Religion zu einem Heft zusammengestellt. Außerdem ändert sich die Erscheinungsweise des Heftes. PHILOKLES wird in Zukunft als Online-Zeitschrift veröffentlicht. Dabei ändert sich auch die Zählung. Sie erfolgt künftig nicht mehr nach Jahrgängen, sondern fortlaufend. Das vorliegende Heft ist Philokles Nr. 17. (Heft 1 erschien übrigens vor zwölf Jahren, im Januar 1998.)
Das Thema des vorliegenden Heftes ist das Verhältnis der Religion zu Wissenschaft und Philosophie. Das Verhältnis von Religion, Theologie und Wissenschaft ist bekanntlich schwierig. Die Philosophie hat irgendwann die Seite gewechselt. War sie im Mittelalter noch ancilla theologiae, möchte sie heute bei den (Natur-)Wissenschaften in Dienst treten und verleumdet ihre frühere Herrin.
Pirmin Stekeler-Weithofer erinnert an den philosophischen Kern der christlichen Religion, wobei er, durchaus in der Tradition Feuerbachs, versucht, religiöse und theologische Kategorien sprachphilosophisch als Vergegenständlichungen von Worten und Ideen zu deuten, in Analogie zu Hypostasierungen in anderen Redebereichen, nicht zuletzt in den Wissenschaften selbst.
Dass man die religiösen und letztlich metaphysischen Kategorien nicht unbedingt als bloße Hypostasierungen auffassen muss, zeigen die Überlegungen Thomas Wendts. Sein Aufsatz reflektiert aus der Warte eines in der DDR sozialisierten Marxisten und Christen das Verhältnis von Materialismus und Religion als zweier sich scheinbar ausschließender Weltanschauungen. Beide zeigen jedoch bei genauerem Hinschauen gerade hinsichtlich der Realexistenz metaphysischer Prinzipien und der damit verbundenen positiven Antworten auf die Frage nach absoluter Wahrheit erstaunlich übereinstimmende Überzeugungen. Die offensichtlichen Gegensätze betreffen mithin nicht die Möglichkeit, sondern den bestimmten Gehalt der richtigen Auffassung des Seins und seiner Strukturen.
Der Beitrag von Henning Tegtmeyer zeigt, dass die Gegenstände religiösen und theologischen Denkens noch immer große Anziehungskraft auf das Denken ausüben, selbst auf die für ihre antimetaphysische Grundhaltung bekannte analytische Philosophie. Am Beispiel der Arbeiten von Alvin Plantinga und Richard Swinburne, welche sich anschicken, mit den Mitteln der modernen Logik und Wissenschaftstheorie die Existenz Gottes zu beweisen, stellt er die Hilflosigkeit dieser Art von Philosophie im Umgang mit metaphysischen Fragen heraus.

Henning Tegtmeyer

 

Heft 16 (2007)

Die Möglichkeit von FreiheitCover Heft 16 2007

Inhalt

Peter Heuer: Der Weg aus der Determinismusfalle

Kommentare

Katinka Schulte-Ostermann: Freiheit in einer determinierten Welt

Lars Osterloh: Der Schlüssel zur Freiheit?

Lu De Vos: Freiheit in den Determinationsfallen

Frank Kannetzky: Determinationen, die nicht zählen. Ein grundbegrifflicherKommentar zur Freiheitsdebatte

Replik

Leseprobe

Ret Marut: Der Ziegelbrenner. Ausgewählt von Frank Kannetzky und eingeleitet von Peter Heuer

Rezensionen

Zukunft durch empraktisch-kritisches Selbstbewusstsein. Zu: Konstanze Schwarzwald et al. (Hg.): Kritik-Entwürfe. Beiträge nach Foucault. Berlin 2006.(Christian Kögler)

 

Damit es nicht beim Verlangen bleibt. Zu: Thomas Buchheim: Unser Verlangen nach Freiheit. Kein Traum, sondern Drama mit Zukunft.Hamburg 2006. (Peter Heuer)

Kolumne

Christof Forderer: Dionysisches Wählen, apollinisches Regieren

Das Heft zum Download


Editorial

Angriffe auf die Idee menschlicher Freiheit sind letztlich so alt wie die Philosophie. Das antike Denken ließ sich von der Vorstellung einer kosmischen, unpersönlichen ananke, einem fatum oder Schicksal beeindrucken,dem die Menschen unentrinnbar und unabhängig von ihrem Wollen und Entscheiden unterworfen sein sollen. Das nachantike, monotheistische Denken rang mit der Idee eines den menschlichen Willen determinierenden allmächtigen Gottes. Die christliche Philosophie hat den theologischen Determinismus aber schon früh als häretisch verworfen, und weder Judentum noch Islam haben ihn jemals wirklich akzeptiert. So blieb es der Neuzeit vorbehalten, einen die menschliche Willensfreiheit gänzlich negierenden materialistischen Determinismus auszuarbeiten, zunächst allerdings als polemisch-satirisch oder ironisch gebrochene Außenseiterposition wie bei La Mettrie und Holbach. Die eigentliche Blütezeit der philosophischen Leugnung von Willensfreiheit war erst das 19. Jahrhundert; Schopenhauer hat sie prägnant formuliert und wurde später publikumswirksam unterstützt von der sich neu etablierenden Psychologie und Psychopathologie. Vorschläge zu einer umfassenden Umstellung aller Bildungs-, Rechts- und Strafinstitutionen von einem freiheitsbasierten auf ein deterministisches Menschenbild wurden bereits damals gemacht und leidenschaftlich diskutiert. Leser Tolstois kennen die Debatten.
Mit ganz ähnlichen Argumenten und Forderungen, doch gestützt auf neuartige Untersuchungsmethoden versuchen derzeit einige bekannte Hirnforscher und Philosophen zu zeigen, dass der Mensch keinen freien Willen besitzt. Doch die Richtigkeit ihrer Thesen kann – heute nicht anders als damals – letztlich nur a priori entschieden werden, durch Philosophie, nicht durch Hirnforschung. Die Wurzel des modernen Determinismus ist der Materialismus. Peter Heuer greift deshalb in seinem Beitrag den Materialismus als solchen an und versucht zu zeigen, dass schon Lebewesen, obwohl materiell verfasst, nicht denselben deterministischen Naturgesetzen unterworfen sein können wie unbelebte Materie und dass infolgedessen ein uniformer Determinismus nicht einmal als allgemeines Prinzip der Naturwissenschaften taugt. Letztlich will Heuer die menschliche Freiheit so auf ein breiteres ontologisches Fundament stellen. Dieser Versuch steht im Mittelpunkt einer hier dokumentierten kontroversen Diskussion. Die Leseprobe erinnert an Ret Marut alias B. Traven, einen ganz anders orientierten publizistischen und politischen Verteidiger menschlicher Freiheit.

Henning Tegtmeyer

Heft 15 (2006)

Grundlagen der GerechtigkeitCover Heft 15 2006

Inhalt

Haupttext

Felix Ekardt: Grundlagen der Gerechtigkeit. Eine neue diskursrationale Konzeption

Kommentare

Olaf Miemiec: Gerechtigkeit bei Felix Ekardt. Eine Diskussionsbemerkung

Konrad Ott: Ein neuer Stern am Firmament?

Markus Wolf: Braucht die gerechte Grundordnung eine „transzendentale“ Begründung?

Replik

Leseprobe

Platon, Der Staat – ausgewählt und vorgestellt von Henning Tegtmeyer

Rezensionen

Die eigene Fremde. Zu: Rahel Jaeggi: Entfremdung, Arnd Pollmann

Entführung ins philosophische Abendland. Zu: Hartmut Sommer, Der philosophische Reiseführer, Peter Heuer

Das Heft zum Download


Editorial

Gerechtigkeit ist ein Zentralbegriff moralischen, rechtlichen und politischen Denkens. Was Moral oder Recht sind und worum es in der Politik geht, lässt sich nicht begreifen ohne eine Idee von Gerechtigkeit. Dass große Teile der heutigen Politik- und Sozialwissenschaften das anders sehen, ist bekannt, stärkt aber nicht die Überzeugungskraft ihrer Theorien. Ob sich die Idee der Gerechtigkeit aber sinnvoll in die Gestalt einer Gerechtigkeitstheorie bringen lässt, ist umstritten, nicht erst seit John Rawls‘ Theorie der Gerechtigkeit (1971). Nach welchen Kriterien ließe sich die Angemessenheit einer solchen Theorie überhaupt beurteilen? Genügen unsere Intuitionen, oder müssen sich diese ihrerseits im Licht der Theorie korrigieren lassen?

Rawls selbst wirft diese Fragen in seinem Werk auf, beantwortet sie aber nach Ansicht vieler Kritiker nicht befriedigend. In der deutschsprachigen Philosophie hat man daher lange Zeit eine andere Strategie der theoretischen Fundierung von Debatten über das Gerechte und das Ungerechte verfolgt. Man müsse sich, so hieß es hier, als Theoretiker gar nicht anmaßen, selbst zu bestimmen, worin Gerechtigkeit besteht. Man begnüge sich vielmehr damit, Bedingungen zu formulieren, denen solche Debatten genügen müssen, damit man sagen kann, dass ihre Ergebnisse akzeptabel sind. So reduziert man gewissermaßen die relativ komplexe Idee der Gerechtigkeit auf die relativ einfache Idee einer gerechten Debatte und lässt ansonsten den Diskurs für sich selbst sorgen. Das ist – stark vereinfacht – die Grundidee der Diskursethik, wie sie zunächst von Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas entwickelt und dann von zahlreichen Anhängern und Schülern aufgegriffen und gegen skeptische Einwände aller Art verteidigt wurde.

Mittlerweile ist es still um diese Theorie geworden. Selbst mancher frühere Anhänger hält sie mittlerweile für zu formal und strebt nach ’substantielleren‘ Gerechtigkeitstheorien, studiert also eher Rawls oder Marx als Apel oder Habermas. Felix Ekardt hingegen versucht hier, die Diskursethik durch eine Klärung ihrer Grundlagen zu revitalisieren und für neue Anwendungen in der Umwelt- und Nachhaltigkeitsethik zu öffnen. Ob ihm dies gelingt, wird im Heft kontrovers diskutiert.

Radikal anders als alle klassisch modernen Theorien der Gerechtigkeit setzt Platon in der Politeia an. Wie, das zeigt unsere Klassiker-Leseprobe,die schon allein um des Kontrastes willen in dieses Heft gehört.

Heft 14 (2005)

Zwischen Führerkult und Mängelwesen

Zur Aktualität Arnold Gehlens

Frank Kannetzky und Henning Tegtmeyer (Hg.)

 

Inhalt

Interview

Cover Heft 14 2005

„Ordnung ist kein Gefängnis“. Zu Leben und Werk Arnold Gehlens. Karl-Siegbert Rehberg im Gespräch mit PHILOKLES

 

Beiträge

Patrick Wöhrle: Handlung bei Arnold Gehlen – Schlüsselprinzip oder „Schlüsselattitüde“?

Frank Kannetzky: Person, Handlung und Institution. Arnold Gehlens Beitrag zu einer Theorie der Personalität

Christian Thies: Moral bei Gehlen. Anthropologische, zeitdiagnostische und ethische Überlegungen

Michael Hog: „Netzhaut-Optizismus“ und Entlastung – Ästhetische Aspekte der Anthropologie, anthropologische Aspekte der Ästhetik im Werk Arnold Gehlens

Wolfgang Luutz: Territorialität und Institutionalität. Zum Raum der Institutionen bei Arnold Gehlen

Das Heft zum Download


Vorwort

Dieses Heft des Philokles ist aus dem Symposium „Zwischen Führerkult und Mängelwesen. Zur Aktualität Arnold Gehlens“ hervorgegangen, welches anlässlich des 100. Geburtstags Gehlens vom Ethos e.V. in Zusammenarbeit mit dem Institut für Philosophie der Universität Leipzig ausgerichtet wurde.

Arnold Gehlen ist, wo sein Werk gegenwärtig nicht gänzlich ignoriert wird, umstritten wie kaum ein zweiter. Anlass dazu geben sowohl seine Biographie als auch sein Werk. Da sich Gehlen nicht scheute, zu politischen Zeitfragen Stellung zu nehmen, droht die philosophische Würdigung und Kritik seines Werkes und damit auch sein philosophisches Anliegen hinter der eher politisch motivierten Kritik zu verschwinden. Insbesondere aber seine Weigerung, sich der eigenen Nazi-Vergangenheit zu stellen, führte zur Isolation Gehlens. Dabei bleiben allerdings interessante und z.T. hochaktuelle Thesen und Forschungsansätze seiner Anthropologie und Institutionenlehre unbeachtet. Wir meinen, zu unrecht.

Neben der Benennung Gehlenscher Positionen und ihrer Überschneidungen mit Gedanken etwa aus dem Umfeld der Frankfurter Schule oder der Systemtheorie, wäre nach der Berechtigung sowohl der Ignoranz gegenüber Gehlen als auch der Kritik an ihm fragen, vor allem aber, welchen Gewinn uns die Beschäftigung mit Gehlens Werk heute bringen kann. Diesen Fragen gehen die Beiträge des neuen PHILOKLES nach.

Das Heft weicht diesmal vom üblichen Aufbau (Haupttext und Diskussion) ab, ein thematischer Fokus bleibt aber erhalten, und, wie wir meinen, genügend Kontroversen auch.

Frank Kannetzky und Henning Tegtmeyer

Heft 13 (2004)

MarxCover Heft 13 2004

Inhalt

Interview

Interview mit Helmut Seidel: „Wir pflanzen keine dogmatische Fahne auf“ – Zur Aktualität von Marx

Haupttext

Olaf Miemiec: Überlegungen zur Herrschaftskritik von Marx

Kommentare

M. Iorio: Herrschaftskritik bei Marx und Miemiec

R. Raatzsch: Romantik und Kritik

W. Luutz: „Legitime Herrschaft“ auf schwankendem Grund. Herrschaftskritik in der Herrschaftsfalle

P. Grönert: Ist Marx’ Herrschaftskritik widersprüchlich?

R. Jaeggi: Weder Hobbes noch Bakunin

F. Kannetzky: Kooperation, Herrschaft, Utopie

Replik

Leseprobe

Paul Lafargue, Das Recht auf Faulheit. Widerlegung des „Rechts auf Arbeit“ von 1848 – ausgewählt und vorgestellt von Frank Kannetzky

Rezension

Anerkennen – Erkennen – Verkennen. Zu: Axel Honneth: Unsichtbarkeit. Stationen einer Theorie der Intersubjektivität. Frankfurt a.M. 2003 (Robin Celikates)

Das Heft zum Download


Editorial

Dass Totgesagte länger leben, hätten auch diejenigen wissen können, die vor fünfzehn Jahren dem Denken von Karl Marx den Totenschein ausstellten. Jede weitere Beschäftigung mit Marx galt nicht bloß als fortan obsolet, sondern als geradezu anrüchige Komplizenschaft mit totalitärem Denken. Wie schnell sich die Zeiten ändern. Mittlerweile haben viele denkende Beobachter des globalisierten ökonomischen Geschehens den Eindruck, dass bis heute keine ökonomische Theorie der freien Marktwirtschaft der Marxschen an Übersicht, Gründlichkeit und Scharfsinn gleichkommt. So könnte es scheinen, als habe das Zeitalter des Marxismus gerade erst begonnen.

Diese Entwicklung ist durch den Zusammenbruch des Systems sozialistischer Staaten in Osteuropa und Asien erst möglich geworden, der nicht zuletzt auch eine Befreiung des politischen Denkens mit sich brachte, trotz der Phase kollektiver geistiger Lähmung in den Neunziger Jahren. Marx stand seit dem Oktober 1917 im immer länger werdenden Schatten Lenins und dann Stalins; ironischerweise tritt er aus diesem Doppelschatten jetzt heraus. Einer, der sich schon vor fast vierzig Jahren dafür eingesetzt und sich deswegen großen Schwierigkeiten ausgesetzt hat, ist der Leipziger Philosophiehistoriker Helmut Seidel, der sich im Gespräch mit PHILOKLES an die Kämpfe um ein nicht marxistisch-leninistisches Marxbild in der DDR erinnert.

Nun ist Marx alles andere als ein unproblematischer Autor. Der Status seines Geschichtsdenkens, die moralischen Voraussetzungen und impliziten utopischen Hoffnungen seiner ökonomischen Kritik, die so in Spannung stehen zu seiner Absage an einen moralischen Kathedersozialismus und einen utopischen Kommunismus, beschäftigen die Marxrezeption von jeher. Welche besondere, bisher selten problematisierte Rolle seine Herrschaftskritik spielt, untersucht jetzt Olaf Miemiec, z.T. im Anschluss an Raymond Geuss. Die Leseprobe erinnert an Paul Lafargue, den Schwiegersohn von Karl Marx und radikalen Kritiker der Arbeitsgesellschaft, die noch immer die unsere ist. Die Rezension stellt eine neue Publikation von Axel Honneth vor, dem derzeit wohl namhaftesten deutschen Sozialphilosophen aus der ‚Frankfurter Schule‘, für die ein kritischer und unideologischer Umgang mit Marx schon immer selbstverständlich war. Totgesagte leben länger; verkehrte Verteufelungen haben so wenig Bestand wie falsche Glorienscheine. Auch das ist wohl eine Lehre aus der unvoreingenommenen Auseinandersetzung mit Karl Marx heute.

Henning Tegtmeyer