Aktuelles Heft

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Philokles 22

Selbsttäuschung

August 2017

 

Aus dem Inhalt

Aufsätze

Sich in die eigene Tasche lügen? Selbsttäuschung als irrationales Projekt (Amber Griffioen)

Kann Selbsttäuschung moralisch gut sein? (Kathi Beier)

Gruppenselbsttäuschung (Christoph Michel)

 

Interview

Lüge, Täuschung, Selbstbetrug. Fragen zum Umgang des Menschen mit der Wahrheit mit Simone Dietz und Eberhard Schockenhoff

 

Leseprobe

Vladimir Jankélévitch: Von der Lüge

 

Rezension

Thomas L. Carson: Lying and Deception (Christiane Turza)

 

Buchnotizen

Markus Gabriel: Sinn und Existenz

Christoph Menke: Kritik der Rechte

Jan Cornelius Schmidt: Das Andere der Natur

 

Kolumne

Ungläubige Verachtung. Kleine Studie politischer Selbsttäuschung (Peter Wiersbinski)

Hier das gesamte Heft 22 zum Download

 

Editorial

Dass Wissenschaft ohne Wahrheit unmöglich ist, wird kein Wissenschaftler ernsthaft bestreiten. Wer Wissen sucht, will das Wahre vom Falschen trennen. Die Wissenschaft der Wahrheit ist dagegen von widerstreitenden Auffassungen geprägt. Bis heute sind sich gerade Philosophen über Fragen wie ‚Was ist Wahrheit?‘, ‚Ist Wahrhaftigkeit ein Wert?‘, ‚Muss man mitunter lügen?‘ oder ‚Kann man sich selbst belügen?‘ erfreulich uneins. Erfreulich deshalb, weil sich Philokles mit diesem Heft in diesen Streit einmischen kann. Dabei werfen die folgenden Beiträge den Blick vor allem auf Phänomene, die der Wahrheit und insbesondere der Wahrhaftigkeit entgegenstehen, nämlich auf Lüge und Selbsttäuschung.
Wie im letzten Heft schon haben wir wieder drei Aufsätze mit je eigener Perspektive und Fragestellung versammelt. Amber Griffioen sucht nach einer Erklärung für Fälle individueller Selbsttäuschung, denn dass wir uns mitunter in die je eigene Tasche lügen, scheint eine Tatsache zu sein. Wie aber ist das eigentlich möglich? Dabei ist es Griffioen wichtig, Selbsttäuschung zugleich als irrationales und als intentionales Phänomen zu begreifen. Wer sich selbst täuscht, so ihre These, begeht „epistemische Sabotage“, d. h. er unterläuft absichtlich die Maßstäbe epistemischer Rationalität und ist daher für seine Unwissenheit selbst verantwortlich. Doch wie können Irrationalität und Intentionalität zusammenkommen? Um zu erklären, wie man an einer Überzeugung festhalten kann, die sich, wie man eigentlich weiß, rational nicht rechtfertigen lässt, schlägt Griffioen vor, Selbsttäuschung als einen Prozess zu verstehen, also das Diachrone am „Projekt der Selbsttäuschung“ genauer in den Blick zu nehmen. Dabei ergibt sich eine interessante Parallele zwischen Personen, die sich selbst täuschen, und denen, die kellnern, Basketball spielen oder ein Musikstück aufführen.

Der Beitrag von Kathi Beier thematisiert nicht die Möglichkeit individueller Selbsttäuschung, sondern fragt nach ihrem moralischen Wert. Ist Selbsttäuschung immer moralisch schlecht, oder kann sie auch gerechtfertigt sein? So nahe diese Frage liegt, so wenig wird sie in der Forschung adressiert. Entsprechend gibt es wenige Vorbilder für ihre methodische Beantwortung. Die Methode, die Kathi Beier vorschlägt, ist eine Analogie zwischen Lüge und Selbsttäuschung. Wenn man Selbsttäuschung als eine Art der Lüge gegen sich selbst versteht, so die These, dann lassen sich vielleicht die klassischen Argumente für und gegen den Wert des Lügens auf die Selbsttäuschung übertragen. Die Analyse dieser Argumente und der Versuch, sie auf die Selbsttäuschung zu übertragen, führt schließlich zu dem Ergebnis, dass die Selbsttäuschung moralisch schlecht ist — egal, welcher Theorie der Erklärung ihrer Möglichkeit man anhängt.
Eine ebenso in der Forschung noch relativ wenig diskutierte Frage ist die nach der Möglichkeit von kollektiver Selbsttäuschung. Insofern betreibt Christoph Michel in seinem Beitrag echte Grundlagenarbeit. Er geht von der These aus, dass manches Scheitern von kollektiven Projekten offenbar am besten als Gruppenselbsttäuschung zu diagnostizieren ist. Das Versagen der NASA vor der Challenger-Katastrophe am 28. Januar 1986 scheint dafür ein Beispiel zu sein. Obwohl eine Gruppenselbsttäuschung etwas anderes ist als die Summe der individuellen Selbsttäuschungen der Mitglieder einer Gruppe, sind die Fragen und Probleme bezüglich individueller und kollektiver Selbsttäuschung ähnlich. Setzt die Selbsttäuschung voraus, dass die Gruppe die Evidenz kennen muss, die sie zugleich zu verleugnen versucht? Oder reicht es, wenn diese Evidenz einzelnen Gruppenmitgliedern zugänglich ist? Kann die Gruppenselbsttäuschung beabsichtigt sein? Wem wäre eine solche Absicht zuzuschreiben? Und wie lässt sich der Unterschied zwischen einer schlichten Fehleinschätzung durch eine Gruppe und einer Gruppenselbsttäuschung beschreiben?

Dass verschiedene Wissenschaften, nicht nur verschiedene Wissenschaftler, das Thema Wahrheit und Lüge je verschieden betrachten und bewerten, beweist auch unser Interview. Zum ersten Mal hat Philokles ein ungefähr gleiches Set von Fragen Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Disziplinen vorgelegt. Wir danken der Philosophin Simone Dietz und dem Moraltheologen Eberhard Schockenhoff sehr herzlich für ihre Antworten.

In der Leseprobe stellen wir das sonst wenig beachtete Buch Von der Lüge (Du mensonge) des französischen Philosophen Vladimir Jankélévitch (1903–1985) vor. Darin beschreibt er u. a. die Mitschuld des Belogenen am Zustandekommen einer Lüge und verteidigt das Lügen — zumindest in bestimmten Situationen. Der moralischen Einordnung der Lüge, insbesondere in ihrem Unterschied zur Täuschung, geht auch der in Chicago lehrende Philosoph Thomas L. Carson in seinem Buch Lying and Deception nach, das Christiane Turza in ihrer Rezension ausführlich bespricht. In unserer neuen Rubrik „Buchnotizen“ werden in knapper Form drei weitere neuere philosophische Veröffentlichungen vorgestellt. Schließlich findet unser Kolumnist Peter Wiersbinski im politischen Alltag jede Menge Raum für Formen der Täuschung; ihn interessiert vor allem die seiner Meinung nach widersprüchliche Haltung vieler Politiker und politisch Interessierter gegenüber den so genannten Rechts-Populisten unserer Zeit. Ein Beispiel für eine tiefsitzende Selbsttäuschung?

Kathi Beier und Peter Heuer

 

 

Autor: philoklesonline

Onlineauftritt von PHILOKLES. Zeitschrift für populäre Philosophie

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